Nächstes Kapitel in der KI-Trainingsdaten-Debatte, und diesmal geht’s um LANDR. Die kennt ihr vielleicht vom Mastering oder vom Vertrieb – die Plattform ist seit über zehn Jahren im KI-Musik-Geschäft unterwegs und wird nach eigenen Angaben von über sechs Millionen Musikern weltweit genutzt. Jetzt haben die ihr „Fair Trade AI Program“ nochmal aufgebohrt, und ich will euch erklären, was da wirklich dahintersteckt.
Wie das Ganze funktioniert
Grundidee: Wer seine Musik über LANDR vertreibt, kann sich für das Fair Trade AI Programm anmelden und seine veröffentlichten Tracks fürs Training von KI-Modellen freigeben. Wichtig dabei – und das betont LANDR auch selber immer wieder – ist das Opt-in-Prinzip. Man muss sich aktiv anmelden, die eigene Musik einreichen, und nur wer die vollen Rechte an Aufnahme und Verlag besitzt, darf überhaupt teilnehmen. LANDR behält sich zusätzlich vor, welche Tracks am Ende tatsächlich in den Datensatz aufgenommen werden.
Für die Teilnahme gibt’s Geld. Ursprünglich lag der Anteil bei 20 Prozent der Einnahmen, die durch die mit der eigenen Musik trainierten KI-Tools erzielt werden, ausgezahlt als monatliche Abrechnung übers eigene Konto. Jetzt, im Zuge der aktuellen Erweiterung, wurde der Anteil sogar auf 25 Prozent der Netto-Lizenzeinnahmen angehoben, verteilt nach dem jeweiligen Beitrag zum Datensatz.
Das Neue: Vorschuss und größerer Datensatz
Was diese Runde besonders macht: LANDR hat einen Ein-Millionen-Dollar-Fonds für Vorschüsse an Künstler aufgelegt. Konkret heißt das – wer mitmacht, kann rückzahlbare Vorschüsse auf zukünftige Lizenzeinnahmen bekommen, und zwar rund 5 US-Dollar pro berechtigtem Track. Das Angebot lief noch bis zum 20. Juli, ist also gerade erst frisch abgelaufen bzw. lief parallel zur Ankündigung. Über 30.000 Künstler und mehrere hunderttausend freigegebene Tracks sollen laut LANDR inzwischen Teil des Programms sein – damit hat sich das Ganze von einer Nischen-Idee zu einer echten Lizenzierungs-Plattform entwickelt, die KI-Entwickler mit legal abgesicherten, sauber getaggten Musikdaten versorgt.
Die ersten Auszahlungen aus dem Programm sollen noch in diesem Monat an teilnehmende Künstler rausgehen. LANDR verspricht außerdem, dass die Daten nie an Dritte verkauft werden und dass Teilnehmer regelmäßige Updates über den Trainingsprozess bekommen. Man kann sich jederzeit wieder abmelden – außer man hat einen Vorschuss angenommen, dann bleibt die eigene Musik im Datensatz, bis der Vorschuss abgezahlt ist oder 24 Monate vergangen sind, je nachdem was zuerst eintritt.
Meine Einschätzung
Ehrlich gesagt: Verglichen mit dem, was in den letzten Jahren an KI-Trainingsdaten einfach ungefragt und unbezahlt aus dem Netz gezogen wurde, ist das hier tatsächlich ein anderes Kaliber. Opt-in statt Opt-out, echte Rechte-Prüfung vor Aufnahme in den Datensatz, und Geld, das monatlich aufs Konto kommt statt gar nichts – das ist schon mal mehr, als die meisten großen KI-Klitschen bisher überhaupt in Erwägung gezogen haben.
Aber – und da bleib ich skeptisch – am Ende bleiben immer noch 75 Prozent der Einnahmen bei LANDR selbst. Die Künstler, deren Melodien, Rhythmen und Klangfarben da als Trainingsmaterial dienen, bekommen ein Viertel vom Kuchen, während die Plattform mit den daraus entwickelten KI-Tools weiterverkauft und ihr eigenes Geschäft aufbaut. Fünf Dollar Vorschuss pro Track klingt außerdem erstmal nach nicht besonders viel, wenn man bedenkt, wie viel Arbeit, Zeit und Herzblut in so nem Track steckt.
Und noch was fällt mir auf: Wenn man den Vorschuss annimmt, sitzt man 24 Monate lang fest im Datensatz, ob man will oder nicht. Das ist kein „jederzeit aussteigen“, das ist ne Bindung. Für Musiker, die kurzfristig ne kleine Finanzspritze brauchen, mag das verlockend klingen – aber wer nicht genau hinschaut, verkauft am Ende mehr Kontrolle über sein Werk, als ihm bewusst ist.
Trotzdem – im Vergleich zu den ganzen Streaming-Plattformen und Labels, die einfach unsere Kataloge scrapen lassen, ohne überhaupt zu fragen, ist ein Opt-in-Modell mit Bezahlung ein Fortschritt. Die Frage ist nur, ob 25 Prozent und ein paar Dollar Vorschuss wirklich „fair“ sind, oder ob das nur der neue, freundlicher verpackte Deal ist, bei dem die Musiker am Ende trotzdem den kleineren Anteil kriegen.
Bei FLEX BARKER MUSIC RECORDS mach ich da erstmal nicht mit. Meine Kataloge bleiben mein Kapital, und bevor ich die für nen Fünfer pro Track ins KI-Training schicke, überleg ich mir das lieber zweimal. Aber ich versteh auch, warum das für andere unabhängige Künstler attraktiv sein kann, gerade wenn sonst eh keiner fragt und keiner zahlt.
Was meint ihr – Chance oder Ausverkauf durch die Hintertür? Schreibt’s mir.